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Interview

Wer schon einmal Gast auf dem Paulinenhof war, der weiß, dass der Bauernhof ein ganz besonderer Ort ist. Das haben inzwischen auch die Medien gemerkt, daher war der Leiter des Hofes, Dietmar Oppenländer im Dezember 1999 u.a. bei RMB-Radio zu Gast. Hier ein Auszug aus dem Interview:

Dietmar Oppenländer auf dem wichtigsten Arbeitsgerät

Wie viel Land bewirtschaften Sie insgesamt, welche Lebewesen sind denn auf dem Hof anzutreffen?

Der Hof ist ein Biolandbetrieb, das heißt es wird ohne chemische Pflanzen- und Düngemittel gearbeitet. Wir bewirtschaften eine Fläche von ca 100 ha, bildlich ausgedrückt etwa die Größe von 200 Sportplätzen. Auf dem Hof treffen Sie viele Mutterkühe, Kälber, Rinder, zwei Pferde, zwei Schafe, 900 Legehennen, 180 Gänse, fünf Schweine, Kaninchen, Katzen und zwei Esel. Neben unseren Beschäftigten und meiner Familie lebt und wohnt noch eine weitere Familie hier

Die eigentliche Bezeichnung für den Paulinenhof lautet "Werkstatt für Behinderte", dennoch erinnert der Hof recht wenig an eine Werkstatt. Was unterscheidet denn aus Ihrer Sicht den Paulinenhof von einer Werkstatt für Behinderte, was ist das Besondere am Paulinenhof?

Die Arbeit findet in erster Linie im Freien statt, ist sehr abwechslungsreich, je nach Saison und Jahreszeit. Unsere Beschäftigten bewegen sich viel und sind abends dann ausgelastet. Viele unserer Beschäftigten wären aufgrund Ihrer Behinderung nicht in der Lage längere Zeit bei der Arbeit zu sitzen oder immer gleichbleibende Tätigkeiten zu verrichten. Sie lieben die Arbeit mit Tieren, zu denen sie oft einen persönlichen Bezug aufbauen. Sie kennen die Kälber und Kühe mit Namen und fühlen sich voll für sie verantwortlich. Diese Tätigkeit mit Lebewesen unterscheidet den Paulinenhof hauptsächlich zu einer Werkstatt, in der mit Metall, Stoff oder anderen Materialien gearbeitet wird. Bei uns lebt das Material.

Wie und wo werden die von Ihnen betreuten Menschen eingesetzt?

Je nach individueller Fähigkeit bei allen anfallenden Arbeiten wie: Kühe füttern, Ställe ausmisten und einstreuen, Hühner versorgen (vom Füttern bis, zum Eier einsammeln), Gänse auf die Weide bringen, Esel und Pferde versorgen und bewegen, Futter für den Winter bereiten, Feldfrüchte ernten und einlagern, Streuobstwiesen pflegen bis zur Ernte der Äpfel und Saftherstellung, Brotbacken, Mithilfe bei der Wurstherstellung, Holzaufbereitung, Pflege der Maschinen und Geräte, Dienstleistung im Bereich Rasenmähen und Pflege von Pflanzanlagen.

Welche Ziele verfolgen Sie mit den 21 behinderten Menschen auf dem Hof?

Zufriedenheit mit der Arbeit, einen persönlichen Bezug dazu zu entwickeln, sich wohlfühlen, das heißt eine Heimat bieten. Ein weiterer Punkt ist, die individuellen Fähigkeiten der einzelnen Beschäftigten zu fördern und auf geäußerte Wünsche und Bedürfnisse der Einzelnen einzugehen.

Auf einem Bauernhof kann es keine Betriebsferien für alle wie in einer Werkstatt geben, denn die Tiere müssen ja das ganze Jahr über versorgt werden. Genauso wenig hält sich die Ernte an feste Arbeitszeiten. Es ist also Flexibilität angesagt - wie reagieren Ihre behinderten Beschäftigen darauf?

Ja das ist richtig, Flexibilität ist bei uns oft angesagt, da der Arbeitsplatz im Freien ist, und ein Regenschauer oder ein Gewitter die angefangene Arbeit abrupt beenden kann. Oder wenn man abends noch bespricht, welche Arbeiten am nächsten Tag anstehen und dann regnet es. Oder wenn bei der Heuernte Gewitterwolken am Himmel stehen, da gehen bange Blicke gen Himmel, aber gleichzeitig versucht jeder mit seinen Möglichkeiten mit zu helfen, so dass es reibungslos läuft. Unsere Betreuten sind in diesem Punkt öfters gefordert, wie in einer Werkstatt. Doch mich erstaunt es immer wieder wie jeder seinen Platz dann ausfüllt, wenn solche Situationen entstehen.

Sie haben ja vor ein paar Monaten eine Umfrage zu der Zufriedenheit der von Ihnen betreuten Menschen gemacht. Dabei gab es ein beachtliches Ergebnis - fast alle waren sehr zufrieden mit den Arbeits-, Wohn- und Betreuungsangeboten. Wie erklären Sie sich das, wo liegt das Erfolgsrezept des Paulinenhofs?

Verschiedene Bereiche wie Betreuung, Hauswirtschaft, Arbeitsbereich ziehen am selben Strang und haben das Wohl der Bewohner im Auge. Dadurch dass dies alles am selben Ort stattfindet, empfinden die Bewohner keine Trennung der Bereiche sondern betrachten den Hof als Ihre Heimat. Und Sie identifizieren sich mit ihm, dies gibt einen ganzheitlichen Aspekt. Die Mitarbeiter vom Heim können nachvollziehen, was die Bewohner während des Tages erleben, da sie die Bewohner bei der Arbeit begleiten oder die Tiere mit Ihnen versorgen. Ebenso wird von meiner Seite gesehen, was die Bewohner am Abend in der Freizeit machen oder erleben. Dieser gesamtheitliche Aspekt findet so nur auf dem Paulinenhof statt.

Nun besteht das Leben auf dem Hof nicht nur aus Arbeit, wie sieht es da mit der Freizeit für die Beschäftigten aus?

Jeder Bewohner kann Hobbies pflegen, wie zum Beispiel Haustiere, Hund, Katze, Vögel,... Ein Bewohner beschäftigt sich mit Bienen, der Honig wird im Hofladen verkauft. Von Seiten der Betreung werden Vorschläge der Bewohner aufgegriffen und umgesetzt. Neben Kegeln, Schwimmen, Kinobesuche, Treff im Freizeitclub der Paulinenpflege werden, auch von unserer Seite Freizeiten organisiert und durchgeführt.

Wir haben viel über die behinderten Menschen und deren Arbeit gesprochen - da wollen wir aber die Mitarbeiter, die Leute, die die Bewohner des Hofes betreuen und fördern nicht vergessen. Was motiviert Sie und ihr Team diese nicht immer ganz einfache Arbeit zu tun?

Da möchte ich zuerst ein Dankeschön an meine Mitarbeiter sagen. Wir sind insgesamt fünf hauptamtliche Mitarbeiter in den drei Bereichen Heim, Hauswirtschaft und Landwirtschaft. Zur Seite stehen uns drei Zivis , zwei FÖJ-Praktikanten in der Landwirtschaft und ein Zivi im Wohnheim. Unsere Motivation im täglichen Miteinander ist, unseren Betreuten eine Heimat zu bieten.

Inzwischen sind die Paulinenhof-Bewohner auf dem Weg große Filmstars zu werden. Es gibt seit Herbst diesen Jahres einen Film, der die Menschen, Tiere und Arbeit auf dem Hof vorstellt. Wie kam es dazu?

Beim ersten Angehörigentag im Heimbereich der Paulinenpflege Winnenden kam der Wunsch von den Angehörigen, auch andere Bereiche kennen zu lernen, und die Anfrage landete bei uns. Und so filmten wir das tägliche Geschehen. Inzwischen ist er geschnitten und vertont und wurde bereits beim Angehörigentag Anfang November im Heimbereich der Paulinenpflege Winnenden gezeigt. Von unserer Seite wird der Paulinenhof-Film jetzt auch bei Führungen eingesetzt.

Für die Paulinenhof-Mitarbeiter und Bewohner gibt es im Lauf des Jahres auch Höhepunkte, auf die sie zufiebern. Als nächstes steht Weihnachten an. Wie wird Weihnachten auf dem Hof gefeiert?

In der Adventszeit nehmen wir uns als Mitarbeiter noch mehr Zeit für unsere Betreuten, wir basteln Weihnachtsschmuck oder backen Weihnachtsgebäck. Es entstehen dann auch Gespräche über Advent und Weihnachten und was da geschah im Stall zu Bethlehem. Wir haben auf dem Paulinenhof regelmäßige Gottesdienste, und an Heilig Abend bieten wir den Besuch des Spätgottesdienstes in der örtlichen Gemeinde an, welcher von vielen gerne besucht wird. Wir haben auch eine Weihnachtsfeier, die von den Mitarbeitern und Betreuten gestaltet wird. Und da kommen dann schöne Anspiele zur Weihnachtsgeschichte zu stande. So vor ein paar Jahren ein Krippenspiel im Stall bei Kuh, Pferd und Schafen.

Was bedeutet für Sie ganz persönlich Weihnachten, wenn dieses Fest einen so großen Stellenwert auf dem Hof einnimmt?

Das, was dort im Stall in Bethlehem geschah hat auch mein Leben bewegt: Jesus wurde geboren. Gott wurde Mensch und kam auf diese Welt, damit alle, die an Ihn glauben erlöst werden. Ich habe dieses Geschehen auch erst als Erwachsener begriffen und dann diese Hand ergriffen, die Jesus mir gab. Deshalb ist Weihnachten für mich ein Fest der Freude und Liebe. Dieses Licht, das durch Jesus auf diese Welt kam, strahlt bis heute und bringt Licht in die Welt. Wir dürfen voller Freude und Hoffnung auf das Kind in der Krippe schauen. Lassen wir dieses Licht in unsere Herzen leuchten.

Sie haben viel von Ihrer Arbeit auf dem Hof, von den Menschen und Tieren, die dort leben, erzählt. Ein bisschen kann man sicherlich erahnen, was das Besondere am Paulinenhof ist. Allerdings ersetzt dieses Gespräch ganz sicher nicht den persönlichen Besuch auf dem Hof. Ist ein Besuch grundsätzlich möglich? Wenn ja, wo und wie?

Ein Besuch auf dem Paulinenhof ist sicher jederzeit möglich und wir Paulinenhöfler freuen uns über regen Besuch. Wenn es Gruppen, wie Kindergärten, Krabbelgruppen oder Schulen sind, bitten wir möglichst um vorherige Anmeldung, sie erhalten dann eine Führung durch den Paulinenhof. Im Hofladen bieten wir unsere Produkte zum Verkauf an, dieser hat an zwei Tagen geöffnet, und zwar am Dienstagnachmittag von 14.00 Uhr bis 18.00 Uhr und am Freitagvormittag von 9.00 Uhr bis 11.30 Uhr und nachmittags von 14.00 Uhr bis 18.00 Uhr.

Zum Schluss noch einen Blick in Richtung Zukunft: Was wünschen Sie sich für Ihre Arbeit und die Bewohner auf dem Paulinenhof für die nächsten Jahre?

Zuallererst das wichtigste Gut, Gesundheit!! Und dann wünsche ich mir, dass der familiäre Charakter des Paulinenhofes erhalten bleibt und wir unseren Betreuten auch in Zukunft eine Heimat bieten in der sie sich wohlfühlen und gerne sind. Ich wünsche mir ferner, dass diese Hoffnung, von der Weihnachten erzählt, meinen Mitarbeitern und mir Kraft gibt, die uns anvertrauten Menschen zu unterstützen, zu fördern und ihnen eine Heimat zu geben.

Diesen Wünschen schließt sich RMB-Radio gerne an, denn wer das Leben und die Bewohner auf dem Paulinenhof einmal kennen gelernt hat, der merkt, dass man nicht alles mit Geld und Wirtschaftsplänen aufrechnen kann. Wir wünschen Ihnen und Ihrem Team alles Gute und Gottes Segen für Ihre Arbeit!

Das Gespräch führte Matthias Knödler für RMB-Radio Waiblingen.