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Grafeneck – ein Ort der Erinnerung und der Mahnung

Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs Gebärdensprache der Paulinenpflege besuchen Ort, an dem u.a. auch behinderte Menschen ermordet wurden.

Ein Schloss auf einem Bergsporn, davor ein paar Wohngebäude. Von der hoch gelegenen Terrasse hinter dem Schloss blickt man weit in Richtung des Lautertales. Dort befindet sich das Gestüt Marbach mit seiner berühmten Pferdezucht. Im Sommer wird an Sonn- und Feiertagen auf dieser Terrasse am Schloss Grafeneck Kaffee und Kuchen angeboten. Grafeneck in der Nähe von Münsingen ist ein idyllischer Ort – und ein Ort des Grauens. Hier wurden 1940 etwa 10.000 Menschen mit Behinderungen umgebracht.

Die Schulklasse Berufskolleg Gebärdensprache der Paulinenpflege Winnenden besuchte diesen Ort, um sich über dieses dunkle Kapitel des Umganges mit Menschen mit Behinderungen zu informieren. Im Religionsunterricht der Berufskollegs gehören Exkursionen zum festen Programm des Stundenplanes. Im Unterricht zuvor erfuhren die Schüler, wie die Verantwortlichen im Dritten Reich damals dachten und die Bevölkerung – auch Schulkinder im Unterricht – auf dieses Thema vorbereitet wurde. So gab es Rechenaufgaben „Wie lange kann eine gesunde Familie von dem Geld leben, das für einen Behinderten ausgegeben wird?“ Man sprach von „lebensunwertem Leben“ oder sogar offen von „Tod den Idioten“.

Ein gewisses Unrechtsbewusstsein im deutschen Volk befürchteten die Nationalsozialisten doch noch: Den Angehörigen der Ermordeten wurde eine natürliche Todesursache genannt, was viele Familien zu Recht bezweifelten. Die Tötungen wurden während der NS-Zeit nie offen zugegeben. Deshalb wurde für die Tötungen auch ein einsam gelegener Ort wie Grafeneck ausgewählt.

Heute ist Grafeneck wieder eine Behinderteneinrichtung. Das Gebäude, in dem die Menschen mit Behinderungen mit Kohlenmonoxidgas umgebracht wurden, steht heute nicht mehr. Ein Dokumentationszentrum informiert die Besucher über die Verbrechen, die während der NS-Zeit hier durchgeführt wurden. An der Gedenkstätte liegt ein Buch aus, in dem die Namen der Ermordeten aufgelistet sind.

Bereits fünf Monate, nachdem Hitler zum Reichskanzler gewählt worden war, wurde das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ beschlossen. Zwangssterilisierungen wurden dadurch legal. Auch viele gehörlose Menschen wurden sterilisiert. Für die Tötung von Menschen mit Behinderungen gab es nie ein Gesetz. Trotzdem machten viele mit, auch viele Ärzte und auch Mitarbeiter von Behinderteneinrichtungen.

Nur in einer einzigen Behinderteneinrichtung weigerte sich der Anstaltsleiter, die ihm anvertrauten Menschen herauszugeben, als die „grauen Omnibusse“ bereits in seinem Hof standen. Diese Menschen mit Behinderungen, die von ihrem Anstaltsleiter geschützt wurden, überlebten die Zeit des Nationalsozialismus. Besagter Anstaltsleiter übrigens auch.