„Ich setze mich für ein inklusives Wohnen von Menschen mit Behinderungen und Studenten ein. Da könnten wir viel voneinander lernen“, so Tina Spengler vom Bewohnerbeirat. „Ich wünsche mir, dass wir immer genug Arbeit in unserer Werkstatt haben – gute und vielfältige Arbeit, die nie ausgeht“, ergänzen Alexander Schäfer und Marco Hahn vom Werkstattrat unserer „Backnanger Werkstätten“. Die Frauenbeauftrage der Werkstätten wünscht sich zudem noch mehr Sicherheit und schnellere Hilfe für Frauen. Auch sonst wissen die Menschen mit Behinderung aus der Paulinenpflege im Interview mit Bereichsgeschäftsführerin Nadine Schenk sehr genau, wo in Sachen Teilhabe noch Luft nach oben ist: Mehr Essensgeld, höhere Löhne, mehr barrierefreie Wege, Ausbau der einfachen Sprache und mehr Menschen, die Gebärdensprache können, stehen ganz oben auf ihrer Liste.
Diese Wünsche für bessere Teilhabe äußern die Bewohner*innen und Beschäftigten der Paulinenpflege nicht ins Leere, denn beim Neujahrsempfang der Paulinenpflege sitzen u.a. Landrat Richard Sigel, der Winnender Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth, der Behindertenbeauftrage des Landkreises Sebastian Eltschkner, der Winnender Polizeichef Michael Bauer und viele andere Interessierte im Publikum.
Beim Neujahrsempfang wird nicht über, sondern mit den Betroffenen geredet. „Es gibt viel zu wenige solche Orte und viel zu wenig echtes Miteinander, viel zu wenig echte Teilhabe. Das führt zu falschen Bildern, die viele von uns sich von Menschen mit Behinderung machen. Und das wiederum führt zu Vorurteilen, die meines Erachtens das Haupthindernis für echte Teilhabe sind. Menschen, die die Chance haben und hatten wirkliches Miteinander zu erleben, sind häufig erfüllt davon. Ehrenamtliche, die sich bei uns engagieren und zum Beispiel mit Bewohnern unserer Blauen Arche spazieren gehen, können davon berichten. Von einem solchen Ehrenamtlichen weiß ich, dass er heute Abend hier ist. Unser Gasthaus Lamm in Leutenbach ist so ein Ort des Miteinanders, deshalb ist mir das Lamm auch so wichtig. Und die Rückmeldungen der meisten Gäste sind überwältigend positiv gerade wegen der Herzlichkeit, die von den Menschen, die dort bedienen ausgeht“, so Vorstand Andreas Maurer.
Und er räumt mit dem Vorurteil auf, dass die Eingliederungshilfe derzeit ein „Schlaraffenland“ für Menschen mit Behinderung finanziere, das der Stuttgarter OB Frank Nopper vor kurzem in die Welt gesetzt hat: „Wenn Herr Nopper noch in Backnang wäre, würde ich ihn sofort einladen, doch einmal eine Woche auf unsere Kosten zum Beispiel in der Alten Post in Backnang zu wohnen und das Leben mit den Menschen mit Behinderung dort zu teilen. Auch er soll einmal eine Woche ‚Schlaraffenland‘ genießen dürfen. Doch Spaß beiseite. Aussagen wie die von Herrn Nopper und anderen Politikern verfestigen problematische Bilder, die der Teilhabe gerade auch von Menschen mit Behinderung im Weg stehen. Deshalb sind sie so problematisch!“
Was ebenfalls Teilhabe behindert, ist einfach die Unsicherheit im Umgang mit behinderten Menschen, wie Comedian und Inklusionsbotschafter Kai Bosch im Interview erläutert: „Wenn sie nicht wissen, ob und wie sie einen Menschen mit Behinderung helfen sollen, fragen sie ihn einfach. Es kostet vielleicht etwas Mut, aber hinterher fühlen sich alle besser.“ Beim anschließenden Stehempfang sind sich alle einig: Dieser Neujahrsempfang war viel mehr als nur schöne Worte, er hat zur echten Teilhabe beigetragen und so manches Schlaraffenland-Vorurteil ausgeräumt.
















