„Damals vor 25 Jahren hatte ich noch volles, schwarzes Haar. Heute sind sie alle grau, aber mein Herz brennt noch genauso für unsere Partnerschaft mit der Paulinenpflege wie am ersten Tag. Sie ist das Fundament für die Gründung und Aufbau des Episcopal Technological & Vocational Training Center in Ramallah“, so Giovanni Anbar, der Schuldirektor des christlichen Trainings-Centers im Nahen Osten ist. Ende Juni war er anlässlich des Partnerschaft-Jubiläums mit zwölf seiner Mitarbeitenden in der Paulinenpflege zu Gast.
„Dass die Paulinenpflege von der allerersten Sekunde an mich geglaubt und fest an meiner Seite gestanden hat, hat mir den Mut gegeben, damals quasi aus dem Nichts anzufangen“. Dieses Nichts war ein kleiner Werkstattraum auf einem riesigen ansonsten leeren Gelände von 4.000 qm für die Berufsausbildung in Ramallah. Ein Vierteljahrhundert später steht hier ein großes Bildungszentrum. Hier machen rund 350 Schülerinnen und Schüler aus dem Westjordanland eine Ausbildung im Gastronomie- und IT-Bereich bzw. ihr Abitur. Die Anfragen um Aufnahme an der Schule übersteigen die Kapazität um das Dreifache. Finanziert wird das ETVTC ausschließlich über Schulgeld und Spenden – eine staatliche Förderung gibt es für Privatschulen in Ramallah nicht.
Trotzdem ist ein weiterer Ausbau der Angebote geplant: „Wir wollen durch Bildung unseren jungen Menschen Würde, Chancen und Hoffnung geben. Wir glauben an die Kraft der Bildung. Und das in schwierigen Zeiten. Durch den Krieg im Nahen Osten ist zum Beispiel die Arbeitslosigkeit im Westjordanland in den letzten drei Jahren von 20 auf über 40 Prozent gestiegen. Berufsbildung ist in unserem Land nicht selbstverständlich, für unsere Schüler ist der Unterricht zudem ein paar Stunden Normalität und ein geordneter Rahmen, der ihnen Sicherheit gibt“, erklärt Anbar.
Für ihn und seine Mitarbeitenden ist der Besuch in Winnenden auch etwas ganz Besonderes. Viele aus seinem Team konnten hierzu ihr Land zum ersten Mal verlassen. Neben touristischen Highlights in Stuttgart und am Bodensee konnten die Besucherinnen und Besucher viele Eindrücke und Anregungen im Berufsbildungswerk Winnenden sowie im inklusiven Gasthaus Lamm der Paulinenpflege, aber auch bei einer Führung durch den baden-württembergischen Landtag und einem Empfang der Stadt Winnenden sammeln. „Es ist sehr gut, dass wir Freunde in der Westbank haben. Ihre Arbeit schafft Hoffnung und Perspektiven für eine friedliche Zukunft. Wir wünschen allen Menschen im Nahen Osten Frieden und Gerechtigkeit“, so Winnendens Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth. Sowohl im Landtag als auch im Rathaus hat die Delegation erfahren, wie die Demokratie und der Föderalismus in Deutschland funktioniert.
„Eindrücklich war für unsere Freundinnen und Freunde aus dem Westjordanland zum Beispiel auch einfach der Blick vom Pfänder auf das Dreiländereck Deutschland – Schweiz – Österreich. Drei Länder, ohne dass Grenzen sichtbar sind – das ist im Nahen Osten undenkbar“, sagt der Partnerschaftsbeauftrage der Paulinenpflege für den Nahen Osten Selmar Ehmann, der den Besuch organisiert hat. Diese Grenzen in ihrer Heimat machen dem ETVTC-Team und deren Schülern gerade in Kriegszeiten sehr zu schaffen: „Mein Weg zur Arbeit von Jerusalem zur Schule ist eigentlich nur 20 Kilometer lang. Das ist keine große Distanz auf der Karte. Aber wegen der geschlossenen Straßen, der Kontrollen und der Checkpoints brauch ich oft zwischen zwei und drei Stunden für eine einzige Strecke. Jeder Tag kostet uns diese Situation viel Zeit, Kraft und Würde“, beschreibt Anbar seinen Alltag.
„Ich bewundere Giovanni Anbar, sein Team und viele weitere Palästinenserinnen und Palästinenser, mit wie viel Ruhe und Gelassenheit sie diese angespannte Situation ertragen. Es ist beeindruckend, wie das ETVTC mit wenig finanziellen Mitteln, soviel bewirkt. Daher ist die Partnerschaft für uns in der Paulinenpflege genauso wichtig. Ich freue mich über 25 Jahre partnerschaftliches Geben und Nehmen über viele Tausend Kilometer hinweg“, sagt Paulinenpflege-Vorstand Andreas Maurer. Als Zeichen der Verbundenheit wurde beim Jahresfest auf dem BBW-Gelände in Winnenden-Schelmenholz von ihm und Giovanni Anbar ein Olivenbaum gepflanzt – mit Begriffen auf 25 Zetteln, die von der Partnerschaft erzählen: Respekt – voneinander lernen – Hoffnung teilen – Leben verändern – Menschen begleiten – gegenseitig helfen u.v.m.
„Die Partnerschaft mit der Paulinenpflege ist für uns lebenswichtig. Sie zeigt uns: Wir sind nicht allein. Sie vergessen uns nicht. Wir tragen uns gegenseitig im Herzen. Herzlichen Dank dafür“ fasst Giovanni Anbar das Vierteljahrhundert zusammen.
















